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16. Juni 2008 / competenceselling

Das alte hält sich hartnäckig – über die rechte und linke Hirnhälfte

Nicole Becker, Autorin und Dozentin am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Tübingen, schreibt im nachstehenden Beitrag über die Entwicklungen unter der Bezeichnung „hirngerechtes Lernen“. Sie reflektiert in Ihrem Artikel u.a. über die Hirnforschung sowie über die Theorien der „Edu-Kinestiker“, die ein hirngerechtes Training und Lernen fordern.

Soweit so gut, wenn diese Edu-Kinestiker nicht immer noch von der veralteten These ausgingen:

„Während die linke, rationale Hirnhälfte in unseren Schulen permanent überfordert werde, verkümmere die rechte Hirnhälfte mit ihren kreativen und emotionalen Kompetenzen. Schlussendlich würden beide Hirnhälften nicht mehr miteinander kommunizieren und daraus resultierten Lernfrust und Gedächtnisschwächen. Die Lösung sollen „Hemisphärenintegrationsübungen“ bringen, besser bekannt unter dem Namen „Brain-Gym“; das sind gymnastische Übungen, bei denen die „Mittellinie“ des Gehirns überquert werde und somit beide Hirnhälften gezwungen seien, wieder zu interagieren.“

Aufgrund dieses Absatzes habe ich nochmal mit Nicole Becker Rücksprache gehalten und sie gebeten Ihre Position zu dem Thema darzustellen. Hier ihre Antwort:

Anatomisch gesehen existieren zwei Hirnhälften und diese weisen auch einige Unterschiede im Hinblick auf funktionelle Aspekte auf. Wichtige Sprachzentren sind bspw. in der linken Hirnhälfte lokalisiert, was allerdings nicht bedeutet, dass diese der „Sitz unserer Ratio“ wäre (und die rechte der unserer Gefühle) – wie es in populären Ratgebern und Diskussionen gern behauptet wird.

Was die Emotionen anbelangt: Das limbische System befindet sich, salopp ausgedrückt, mittendrin im Gehirn, insofern ist diese Aufteilung – Emotion rechts, analytisches Denken links – nicht haltbar. Die Aufteilung von Emotion auf der einen und Ratio/Vernunft auf der anderen Seite ist ohnehin nicht sonderlich tragfähig; sehr lesenswert finde ich hierzu die Publikationen von Antonio Damasio, insbesondere sein Buch „Descartes Irrtum“. Dabei habe ich viel gelernt, vor allem über den Zusammenhang zwischen Emotionen und Entscheidungsprozessen.

Diese Rechts-links-Dinge erscheinen eben so schön einfach, deshalb werden sie seit Jahrzehnten immer wieder hervorgeholt; die Hirnforschung ist selbstredend da längst weiter.

Ich habe bereits in früheren Beiträge berichtet, dass es keinen haltbaren Nachweis gibt, dass sich Emotionen und Ratio auf die beiden Hirnhälften aufteilen. Ich bin manchmal verwundert, wie lange sich solche „Erkenntnisse“ halten und es erinner mich an ein Zitat: „Ein Urteil lässt sich widerlegen, ein Vorurteil nie. (Marie von Ebner-Eschenbach)

Empfehlen kann ich den Beitrag von Nicole Becker auf jeden fall. Er zeigt auf, dass wir in Sachen Lernen und Ausbildung deutlich mehr Rücksicht auf die individuellen Möglichkeiten von Kindern und Erwachsenen eingehen müssen und dabei die Hirnforschung unterstützen kann.

Hier der ganze Artikel – mit Genehmigung der Autorin (erschienen in der FAZ am 10. Juni)

Reißt die Zeitfenster zum Lernen auf!

Von Nicole Becker

10. Juni 2008 Sie ist mittlerweile in aller Munde, die Rede vom „hirngerechten Lernen“. Lehrer erhoffen sich von der Hirnforschung neue Impulse für ihre Unterrichtsgestaltung und Eltern informieren sich sorgenvoll über „sensible Phasen“ der Hirnentwicklung, damit sie nicht versäumen, ihren Kindern zur rechten Zeit bestimmte Lernerfahrungen zu offerieren. Selbst „pädagogisch unbelastete“ Zeitgenossen werden zuweilen damit konfrontiert, dass sie angeblich mehr aus ihrem Hirn machen könnten, wenn sie beim Lernen dessen Funktionsweise berücksichtigten und somit seine „wahren Kapazitäten“ nutzten.

10. Juni 2008 Sie ist mittlerweile in aller Munde, die Rede vom „hirngerechten Lernen“. Lehrer erhoffen sich von der Hirnforschung neue Impulse für ihre Unterrichtsgestaltung und Eltern informieren sich sorgenvoll über „sensible Phasen“ der Hirnentwicklung, damit sie nicht versäumen, ihren Kindern zur rechten Zeit bestimmte Lernerfahrungen zu offerieren. Selbst „pädagogisch unbelastete“ Zeitgenossen werden zuweilen damit konfrontiert, dass sie angeblich mehr aus ihrem Hirn machen könnten, wenn sie beim Lernen dessen Funktionsweise berücksichtigten und somit seine „wahren Kapazitäten“ nutzten.

Eine wahre Flut von Ratgebern zum hirngerechten Lernen bietet unter dem Deckmäntelchen der (Neuro-)Wissenschaftlichkeit Übungen und Ratschläge, die angeblich nicht nur eine optimierte Hirnentwicklung ermöglichen, sondern auch bei Problemen wie Lese-Rechtschreibschwäche oder Aufmerksamkeitsstörungen therapeutisch wirksam sein sollen. Die angebotenen Empfehlungen gehören, ebenso wie die dazugehörigen Erklärungen, ins Reich der Neuromythen, das bereits geraume Zeit existiert, jedoch durch die öffentliche Dauerpräsenz der Hirnforschung an neuem Glanz gewonnen hat.

Hirngerechtes Lernen: eine Fehlkonstruktion

Einige Hirnforscher unterstützen diesen Trend indirekt, indem sie ihren Forschungsergebnissen eine bildungstheoretische und -politische Dimension verleihen, die einer kritischen Betrachtung nicht Stand halten kann. So füllt etwa der Ulmer Psychiater Manfred Spitzer mit seinen Vorträgen über angeblich neurowissenschaftliche Einsichten zum Lernen und Lehren landauf, landab Stadthallen und reproduziert dabei doch bestenfalls intuitiv Plausibles (Lernen gelingt am besten bei guter Laune; Lehrer sollten sich für ihr Fach begeistern und so weiter). Ebenfalls sehr eindrücklich: der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther, der mit Verweis auf Deprivations- und Bindungsstudien über frontalhirngerechte Erziehung nachdenkt und den Mangel an guten Vorbildern im Allgemeinen und die wachsende Zahl „selbstbezogener Eltern“ im Besonderen für allerlei psychische und soziale Probleme verantwortlich macht.

Kein Wunder also, wenn sich Ratgeberautoren durch den Verweis auf Hirnforschung auf der sicheren Seite fühlen; denn der erweckt die Vorstellung von „harten Fakten“ und wirkt daher vertrauenswürdig. Die meisten ihrer Empfehlungen dürften den Lesern – sieht man von möglichen Placeboeffekten ab – indes nicht weiterhelfen, denn das Konzept des hirngerechten Lernens ist theoretisch wie praktisch eine Fehlkonstruktion. Die Konstruktionsfehler lassen sich in solche grundsätzlicher und solche spezieller Art unterteilen.

Ungedeckte Versprechen

Grundsätzlich kann man sich die Frage stellen, ob der Terminus als solcher überhaupt Sinn ergibt: Das Gehirn kann als selbstreferentielles System zwar „über sich“ nachdenken, doch über sein Funktionieren kann „es“ nicht selbst bestimmen. Dementsprechend hat „es“ auch keinen Zugriff darauf, wie „es“ Informationen verarbeitet beziehungsweise diese „für sich“ aufbereiten müsste, um sie besser verarbeiten zu können. Es ist erstaunlich, dass einerseits so intensiv über die vorgeblich nicht vorhandene Willensfreiheit diskutiert wird, andererseits dann aber – wenn es ums Lernen geht – von einer beinahe grenzenlosen (Selbst-)Manipulierbarkeit des Gehirns ausgegangen wird.

Die speziellen Konstruktionsfehler des „hirngerechten Lernens“ liegen in der Auswahl und Interpretation neurowissenschaftlicher Erkenntnisse. Da gibt es beispielsweise die sogenannte Edu-Kinestetik, die sich bei Lehrern und Eltern großer Beliebtheit erfreut, verspricht sie doch diverse pädagogische Probleme zu lösen. Den Dreh- und Angelpunkt der Edu-Kinestetik bildet die Überzeugung, dass eine gestörte Kommunikation zwischen rechter und linker Hirnhälfte für Lernschwierigkeiten aller Art verantwortlich sei.

Rinks und lechts

Die These der Edu-Kinestetiker lautet: Während die linke, rationale Hirnhälfte in unseren Schulen permanent überfordert werde, verkümmere die rechte Hirnhälfte mit ihren kreativen und emotionalen Kompetenzen. Schlussendlich würden beide Hirnhälften nicht mehr miteinander kommunizieren und daraus resultierten Lernfrust und Gedächtnisschwächen. Die Lösung sollen „Hemisphärenintegrationsübungen“ bringen, besser bekannt unter dem Namen „Brain-Gym“; das sind gymnastische Übungen, bei denen die „Mittellinie“ des Gehirns überquert werde und somit beide Hirnhälften gezwungen seien, wieder zu interagieren.

Edu-Kinesteten beteuern die neurowissenschaftliche Fundierung ihres Konzepts, doch ihre wenigen Verweise sind ebenso krude wie sachlich falsch. Einige ziehen die Split-Brain-Untersuchungen des Neurologen Roger Sperry heran, um ihrer Behauptung von den beiden autonom arbeitenden Hirnhälften und den daraus resultierenden Integrationsstörungen Nachdruck zu verschaffen. Problematisch nur, dass Sperry selbst seinerzeit vor der Verallgemeinerung seiner Ergebnisse gewarnt hat: Er hatte schweren Epileptikern in den sechziger Jahren die Verbindung (den sogenannten Balken) zwischen beiden Hirnhälften durchtrennt, um die Ausbreitung eines Anfalls von den einen auf die andere Hemisphäre zu verhindern. In der Folge zeigten seine Patienten in experimentellen Situationen bestimmte kognitive Ausfälle.

Ein durchtrennter Balken ist aber nun einmal nicht der hirnanatomische Normalfall: Menschen, auch solche, denen das Lernen schwer fällt, verfügen über eine intakte Verbindung zwischen beiden Hirnhälften. Es mag sein, dass Brain-Gym-Übungen – genau wie andere Bewegungsübungen – Grundschulkindern gut gefallen, die theoretischen Annahmen der Edu-Kinestetik sind jedoch unhaltbar und deshalb ist der aktuelle Boom dieser Konzeptionen insbesondere im Bereich der Lehrerfortbildung bedenklich.

Falsche Schlussfolgerungen

Die Konstruktionsfehler in anderen Ratgebern sind teilweise schwieriger nachzuweisen, denn neurowissenschaftliche Erkenntnisse werden dort etwas subtiler zur Stützung bestimmter Sichtweisen angeführt. Das bedeutet allerdings nicht, dass die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen weniger falsch wären. Ein typischer Topos in der Literatur zur Frühförderung ist etwa der vom Hans, der nimmermehr lernt, was Hänschen nicht gelernt habe. Das Hänschen-Argument dürfte vor allem deshalb so wirksam sein, weil es bei Eltern Ängste mobilisiert und gleichzeitig so plausibel erscheint; Volkes Mund tut bekanntlich Wahrheit kund und mit dem Bezug auf Hirnforschung wird diese noch gewichtiger.

Mit Verweis auf „sensible Phasen“, „Entwicklungsfenster“ und „synaptische Plastizität“ wird eine intensive frühe Förderung angemahnt, denn die wichtigsten Schritte in der Hirnentwicklung vollzögen sich innerhalb der ersten drei Lebensjahre und was in diesem Zeitraum versäumt werde, könne auch nicht nachgeholt werden. Die empfohlenen Maßnahmen reichen von der Darbietung bestimmter Spielzeuge und Musikstücke bis hin zu Englischkursen für Babys, damit sie die Sprache später akzentfrei beherrschen.

Als neurowissenschaftliche Referenz dienen den Autoren insbesondere Deprivationsexperimente. In solchen Experimenten werden den Versuchstieren bestimmte Erfahrungen vorenthalten oder aber die Umwelt wird entsprechend reizarm ausgestattet. Verschiedene Studien konnten zeigen, dass eine frühe Deprivation oder eine reizarme Umwelt negative Auswirkungen auf die Hirnentwicklung der Tiere haben. Allerdings ist die Übertragung dieser Ergebnisse auf Menschen heikel: Man kann in solchen Experimenten nur vergleichsweise einfache Entwicklungsprozesse untersuchen und daraus zwar Aussagen über entwicklungshemmende Faktoren gewinnen, keineswegs kann man jedoch im Umkehrschluss daraus ableiten, welche Faktoren sich nun besonders positiv auswirken.

Ratgeber über Ratgeber

Als nützlich erweist sich in diesem Kontext die Unterscheidung von erfahrungsheischendem und erfahrungsabhängigem Lernen, wie sie etwa der Entwicklungspsychologe John T. Bruer vornimmt. Beim erfahrungsheischenden Lernen spielen kritische Phasen tatsächlich eine wichtige Rolle (etwa wenn es um binokulares Sehen oder andere grundlegende sensorische Vorgänge geht). Erfahrungsabhängiges Lernen hingegen ereignet sich das ganze Leben lang. Eine ähnliche Sichtweise vertritt die Psychologin Elsbeth Stern, die zwischen priviligierten und nicht-priviligierten Lernprozessen unterscheidet.

Der erwachsene „Hirnuser“ braucht sich um derlei Diskussionen nicht zu bekümmern, denn er hat bestimmte kritische Phasen der Hirnentwicklung längst hinter sich gelassen. Doch auch für ihn hält das Ratgebersortiment Empfehlungen zur Hirnoptimierung bereit, nur sind es eben andere und sind sie anders begründet. Mit Verweis auf die lebenslange neuronale Plastizität des Gehirns wird er ermutigt, sein Denkorgan durch Gehirnjogging und Knobelaufgaben zu trainieren.

Ohne neue Perspektiven

Besonders prominent auf diesem Gebiet ist die Autorin Vera Birkenbihl, die für sich beansprucht, den Begriff „gehirn-gerecht“ bereits im Jahre 1973 erfunden zu haben. Eine gehirngerechte Aufarbeitung von Lerninhalten führt laut Birkenbihl dazu, dass man den Lernstoff spontan verstehe und sofort ins Gedächtnis überführe („Einmal gehört oder gelesen = gemerkt!“). Gehirngerecht bedeutet hier vor allem, dass etwas Spaß bereiten muss.

Bei all den vergeblichen Versuchen, aus der Hirnforschung Strategien zum hirngerechten Lernen und Erziehen abzuleiten, wird beharrlich ausgeblendet, dass bislang keine neurowissenschaftlichen Erkenntnisse vorliegen, die grundsätzlich neue Sichtweisen auf Bildungs- oder Erziehungsprozesse eröffnen. Vielleicht erklärt das auch, weshalb einige der Ratgeberkonzeptionen seit nunmehr dreißig Jahren in weitestgehend unveränderter Form vorliegen. Was die Hirnforschung aktuell bereitstellen kann, ist die Beschreibung neurophysiologischer Korrelate zu einigen pädagogisch relevanten Phänomenen, die man bislang lediglich auf der Verhaltensebene untersuchen konnte. Das ist zweifellos interessant –- auch wenn sich daraus keine neuen pädagogischen Interventionsstrategien ableiten lassen.

Nicole Becker lehrt Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Tübingen. Zuvor hat sie am Hanse-Wissenschaftskolleg geforscht. Ihr Buch „Die neurowissenschaftliche Herausforderung der Pädagogik“ (Klinkhardt Verlag) gilt als Standardwerk zu der Frage, was aus der Hirnforschung für die Erziehung in Elternhaus und Schule abzuleiten ist.

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