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19. August 2008 / competenceselling

Neuro Mythen

Bereits vor ein paar Wochen berichtete ich über die Tübinger Wissenschaftlerin Nicole Becker – siehe Beitrag – und ihre Forschungen in Sachen hirngerechtes Lernen. Nun beschreibt sie in einem Interview mit dem Schwäbischen Tagblatt ihre neusten Forschungsergebnisse und klärt über verschiedene Mythen auf:

Der Mythos vom hirngerechten Lernen

Mit der Hirnforschung wird viel pädagogischer Humbug begründet, sagt die Erziehungswissenschaftlerin Nicole Becker

Oft genügt allein ein Hinweis auf die Hirnforschung, um einer Methode zum Durchbruch zu helfen. Vieles, was derzeit allerdings unter dem Schlagwort „hirngerechtes Lernen“ angeboten wird, ist Humbug, sagt die Tübinger Erziehungswissenschaftlerin Nicole Becker.

Erforscht das Grenzgebiet zwischen Pädagogik und Hirnforschung: die Erziehungswissenschaftlerin Nicole Becker. Bild: Sommer

Tübingen. Wenig Forschungsgebiete erhalten derzeit so viel Aufmerksamkeit wie die Hirnforschung. Und zwar nicht nur in ihrer medizinischen Ausprägung. Eines der größten Spielfelder ist die Pädagogik. Hirnforscher und Hirntrainer füllen landauf, landab Turnhallen mit Vorträgen über „hirngerechtes Lernen“, geben Empfehlungen, wie Unterricht und Lehrer beschaffen zu sein haben, mit dem Verweis auf die Beschaffenheit des menschlichen Gehirns.

Vieles was da behauptet wird, entbehre jeglicher wissenschaftlicher Grundlage, sagt die Tübinger Erziehungswissenschaftlerin Nicole Becker. Und: „Einige Hirnforscher haben eine völlig überzogene Vorstellung über die Reichweite ihrer Forschung.“

Die 33-Jährige befasst sich seit längerem mit der Frage, was sich denn aus der aktuellen Hirnforschung für die Pädagogik ableiten lässt. Häufig stößt sie dabei auf das, was sie „Neuro-Mythen“ nennt: Pädagogische Empfehlungen, die sich auf Forschungsergebnisse berufen, tatsächlich aber keine wissenschaftliche Quelle haben, oder in so genannten Zitations-Zirkeln auf andere Artikel verweisen, die aber wiederum selbst keine habhafte Grundlage haben.

„Das Konzept des hirngerechten Lernens ist theoretisch wie praktisch eine Fehlkonstruktion“, schrieb Becker kürzlich in einem Beitrag für das Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Das Gehirn sei ein selbstreferentielles System und könne zwar über sich nachdenken, doch nicht über seine Funktionen bestimmen – und schon gar nicht seine Funktionsfähigkeit manipulieren.

Für ihre Dissertation hat sich Becker insbesondere durch die Ratgeber-Literatur für Lehrer gearbeitet. „Das war eine echte Fundgrube. Ich war von den Socken, was da alles behauptet wird.“ Besonders häufig zu finden: Die These, dass durch das Schulsystem die linke, rationale Hirnhälfte permanent überfordert und die rechte Hirnhälfte mit ihren kreativen und emotionalen Fähigkeiten unterfordert werde. Weshalb zum Beispiel die Edu-Kinestetik gymnastische Übungen zur Integration beider Gehirnhälften empfehle. Dadurch würden Lernblockaden beseitigt.

Seither unterrichten Lehrer ihre Schüler nicht nur in Mathe und Englisch, sondern auch darin, wie sie mit schwingenden Armen eine liegende Acht formen können. „Solche Überkreuz-Übungen sind, was die Motorik angeht, sicher nicht schlecht. Aber dass man damit Lernstörungen beheben kann, ist wirklich Humbug.“

Viele Edu-Kinesteten beziehen sich auf die Studie des Neurologen Roger Sperry, der über Epileptiker geforscht hat, bei denen die Verbindung beider Hirnhälften vollständig gekappt wurde. Sperry selbst habe jedoch vor der Verallgemeinerung seiner Forschungsergebnisse gewarnt, sagt Becker. Da die Funktionsweise eines „geteilten Hirns“ keinesfalls mit einem Gehirn verglichen werden kann, bei dem die beiden Hälften in Verbindung stehen. Ein solch unbekümmerter Umgang mit Forschungsergebnissen sei allerdings häufig zu finden, sagt Becker. Ganz oft werde auch nur ganz allgemein auf „die Hirnforschung“ verwiesen.

Becker, die derzeit an ihrer Habilitation arbeitet, hat selbst zwei Jahre im Grenzbereich zwischen Hirnforschung und Pädagogik geforscht. Am Hanse Wissenschaftskolleg in Delmenhorst in einer Arbeitsgruppe des Hirnforschers Gerhard Roth hat sie sich mit den „Neurobiologischen Grundlagen von Wissenserwerb und Wissenstransfer“ beschäftigt. Sie war die einzige Erziehungswissenschaftlerin in einer Gruppe von Naturwissenschaftlern, hat die Zusammenarbeit aber als äußerst anregend empfunden.

Berührungsängste mit der Hirnforschung kann man der Erziehungswissenschaftlerin mithin nicht nachsagen. Die Thesen des Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer jedoch hält Becker für „unglaublich trivial“. Zudem seien sie sehr allgemein gehalten und häufig nicht konsequent zu Ende gedacht.

Ein Beispiel: Lehrer sollen immer authentisch sein und die eigene Begeisterung für ein Fach auf die Schüler übertragen können. „Klar“, sagt Becker, „was man selber spannend findet, kann man besser transportieren“. Andererseits könne man nicht immer alles spannend finden – und auch nicht immer authentisch sein. Das wäre nicht professionell. „Lehrer sind schließlich keine Maschinen.“

Auch dass, so eine neue Studie Spitzers, keine klaren Aussagen möglich sind, ob Frontal-Unterricht oder offener Unterricht prinzipiell besser ist, sei „ein alter Hut“. Man wisse schon lange, dass von offenem Unterricht vor allem Schüler mit einem höheren Intelligenzquotienten profitieren, andere Schüler dagegen auch auf Lehrer-zentrierten Unterricht angewiesen sind.

„Man muss, so schwierig das ist, eben innerhalb des Unterrichts differenzieren.“ Weil man nie so homogene Gruppen habe, dass man pauschale Empfehlungen geben könne. Antworten auf die Frage, wie das Lernen gut funktioniert, „die suche ich nicht zuerst im Schülerhirn“. Da sei es nach wie vor besser, sich über die Rahmenbedingungen des Lernens Gedanken zu machen, über Gruppengrößen und Gestaltung des Schulalltags und des Unterrichts zu reden – eben klassische Unterrichtsforschung zu betreiben.

Ein weiterer Mythos sei die Theorie der so genannten Lernfenster, der sensiblen Phasen. Die wichtigsten Schritte in der Hirnentwicklung, so heißt es häufig, vollzögen sich innerhalb der ersten drei Lebensjahre. Daher rühren Empfehlungen etwa zur Frühförderung mit klassischer Musik. Im Angebot sind auch Englisch-Kurse für Babys. Natürlich fielen solche Ratschläge bei Eltern „auf fruchtbaren Boden“, die nichts versäumen und ihr Kind in einer Bildungs-zentrierten Welt die besten Startchancen mitgeben wollen.

Sensible Phasen gibt es tatsächlich – allerdings nur für die sensorischen Fähigkeiten, sagt Becker. Studien haben gezeigt, dass Sehe und Hören sich in den ersten Lebensjahren ausprägen. Versäumnisse sind später nicht mehr zu korrigieren. Dass das aber auch für die allgemeine Lernfähigkeit gilt, dafür gebe es keinerlei Belege. „Für kognitives Lernen gibt es keine Lernfenster“, sagt Becker. „Erfahrungsabhängiges Lernen ereignet sich ein Leben lang.“ Auch für Erwachsene gibt es eine ganze Palette an Trainingsangeboten, die eine Optimierung der Hirnleistung versprechen und sich dabei auf die Hirnforschung berufen. Doch halten Gehirnjogging und Denksport-Aufgaben tatsächlich geistig jung? „Denken hält das Gehirn fit“, sagt Becker. „Aber man sollte sich nicht zu viel versprechen, was den Transfer betrifft. Wer viel Denksport macht, trainiert sein Hirn im Lösen von Denksportaufgaben. Aber was das bedeutet ist offen.“ Zumindest habe bislang niemand gezeigt, dass solche Trainingsprogramme ein Gehirn aktiver halten, als wenn sich jemand vielseitig intellektuell betätigt, viel liest, Dokumentationen anschaut, Kulturprogramme besucht. „Man kann auch ein verblödeter Rätsellöser sein.“

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