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23. April 2013 / competenceselling

Unser täglich Essen – die geplante Obsoleszenz als Marketinginstrument in der Lebensmittelindustrie

Vor einigen Wochen veröffentlichte ich einen kleinen Aufsatz zum Thema Wertschätzung. Kurz darauf wurde ich von einem Fachmagazin gefragt, ob ich auch einen Beitrag mit Bezug zur Lebensmittelbranche schreiben könne.

Das tat ich natürlich gerne und schrieb der Redaktion, dass dieser Beitrag aber durchaus kritisch mit der Branche ausfallen könnte. Dennoch wurde ich gebeten ihn einzureichen. Wenig später wurde ich dann informiert, dass der Artikel nicht gedruckt werden könne, er würde nicht passend für die Zielgruppe sein. Ausserdem hätte man sich mehr Tenor darauf gewünscht, dass die Verbraucher mehr wertschätzend mit Lebensmittel umgehen sollten.

Genau das hatte ich aber nicht geschrieben, sondern u.a. darauf hingewiesen, dass gerade das Verfallsdatum von Lebensmittel eher ein „geplantes Obsoleszenzdatum“ sein und damit mehr oder weniger ein Marketinginstrument.  Kein Wunder, dass dieser Beitrag abgelehnt wurde.

Hier der vollständige Artikel:

Wertschätzung von Lebensmitteln

Als im März diesen Jahres die Verbraucherministerin Ilse Aigner eine Studie über Lebensmittelabfälle in Deutschland vorgelegte (Quelle: http://www.bmelv.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/2012/66-AI-LMStudie.html) war der Aufschrei in der Fachwelt groß. „Die Untersuchung der Universität Stuttgart kommt zu dem Ergebnis, dass Industrie, Handel, Großverbraucher und Privathaushalte jährlich knapp 11 Millionen Tonnen Lebensmittel als Abfall entsorgen. …. Von den Privathaushalten werden laut der Studie bundesweit jedes Jahr rund 6,7 Millionen Tonnen Lebensmittel entsorgt. Im Schnitt wirft jeder Bundesbürger pro Jahr 81,6 Kilogramm weg.“

Das sind erschreckende Ergebnisse. Leider wurden aber die Ursachen selbst durch die Studie nicht näher beleuchtet. Zwar sagte die Verbraucherministerin: „“Wir leben in einer Überfluss- und Wegwerfgesellschaft. In Deutschland und Europa wird viel zu viel weggeworfen, wertlos gemacht, vernichtet. Jeder von uns kann seinen Beitrag leisten, die Verschwendung wertvoller Ressourcen zu stoppen. Es ist Zeit für einen Bewusstseinswandel – und für mehr Wertschätzung für unsere Lebensmittel“. Dies aber ist nur eine Feststellung von Fakten, nicht von Ursachen und leider finden sich meist nur Aufrufe zu mehr „Wertschätzung“ von Lebensmitteln als Ansatz, die Lage zu verbessern.

Und so finden sich auch gleich Gegenstimmen zur Studie. So zum Beispiel in der Aussage, dass die große Mehrheit  (95 Prozent) der Deutschen es für wichtig oder sehr wichtig halten Lebensmittelabfälle zu vermeiden. (Quelle: DerWesten vom 27.03.2012: Schlechtes Gewissen gegen Lebensmittelverschwendung„) Und wie immer geben sich Landwirte und Handel gegenseitig Schuld an der Lebensmittelverschwendung (Quelle: yahoo Nachrichten vom 26.03.2012: „Bauern geben Handel Schuld an Lebensmittelverschwendung„)

Diese gegenseitigen Vorwürfe bringen nichts. Viel eher müssen wir tiefergehend analysieren, warum es zu dieser Entwicklung gekommen ist. Und wir müssen genauer überlegen, wie wir konkret helfen können, Lebensmittel wieder den gebührenden Stellenwert zu geben.

Ursachen gibt es viele. Nicht zuletzt ist es auch die Kommerzialisierung von Landwirtschaft und lebensmittelverarbeitender Industrie, die wie jedes andere Unternehmen auch, Produktivitätsverbesserungen, Wettbewerbsvorteile, Umsatzsteigerung und Gewinnoptierung im Fokus haben. Und das bei einem extremen Preisdruck, denn der Verbraucher wurde in den vergangen Jahren immer preissensibler – unterstützt vom Handel und dem starken Wachstum der Diskounter.

Die Frage, die sich hier stellt ist die gleiche wie bei jedem anderen Unternehmen: Kann ein Hersteller Interesse daran haben, dass sein „Produkt“ langlebig ist, oder ist es nicht viel besser für das Geschäft wenn das Produkt möglichst schnell ersetzt werden muss. So könnte man also vermuten, dass es, wie erwiesenermaßen auch u.a. bei Druckern, eine geplante Obsoleszenz bei Lebensmitteln gibt. So sind die Mindesthaltbarkeitsdaten oftmals mit viel zu großen Sicherheitspuffern angegeben, obwohl die Lebensmittel noch weitaus länger genießbar sind. So kommt eine Studie aus NRW zu dem Ergebnis „das Mindesthaltbarkeitsdatum dient danach nicht mehr nur – wie bei seiner Einführung – der Qualitätssicherung von Lebensmitteln, sondern wird von den Unternehmen als Organisationsinstrument für die Mengensteuerung und als Marketinginstrument verwendet.“ (Quelle: http://www.umwelt.nrw.de/verbraucherschutz/lebensmittel/konsumwertschaetzung/index.php)

Und Marketing heißt, es geht um Umsatz, Marktanteile und Marktentwicklung. Das Wegwerfen ist also einkalkuliert. Denn: Was weggeworfen wird, kann nicht gegessen werden, macht nicht satt und muss durch ein „frisches“ Produkt ausgetauscht werden.

Die Schuld an den Verbraucher weiter zu geben (fehlende Wertschätzung, falscher Umgang mit Lebensmitteln und zu große Vorratshaltung) wäre zu kurz gegriffen. Die Frage ist vielmehr, wer hat Interesse daran, dass ein Produkt im Überfluss produziert und verkauft wird – wobei das Wegwerfen von Lebensmitteln dabei mit in Kauf genommen wird.

Sicher ist es richtig, beim Verbraucher ein neues Bewusstsein zu schaffen und Aufklärungsarbeit zu leisten.

Genau so richtig ist es aber, als Unternehmen die eigene Rolle zu prüfen und seine Verantwortung gegenüber Gesellschaft und Natur (Nutztiere, Lebensmittel bzw. Lebensmittelprodukte gehören dazu) wahrzunehmen.

Auch wenn es schwierig ist, denken Sie, liebe Hersteller doch mal über folgende Punkte nach:

–        Bieten Sie keine Produkte außerhalb der jeweiligen Saisonen an, Himbeeren etc. im Winter anzubieten ist weder ökologisch noch ökonomisch sinnvoll und verderben zu schnell

–        Vernichten Sie keine Lebensmittel in der Landwirtschaft, Produktion oder im Handel. Denken Sie lieber über alternative Verwendungen nach

–        Entsorgen Sie keine Lebensmittel weil das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist, sondern bieten Sie es zu günstigen Preisen mit entsprechenden Hinweisen an

–        Geben Sie Lebensmittel an lokale Tafeln oder andere gemeinnützige Einrichtungen anstatt sie wegzuwerfen

–        Verringern Sie Ihre Überproduktionen zugunsten von Qualität

Fazit: Wertschätzen Sie Ihre Arbeit und den Umgang mit den natürlichen Produkten. Sie sind unsere Lebensgrundlage – heißt ja auch nicht umsonst LEBENSMITTEL – und sogar ein Stück Lebenskultur. Sie tragen eine große Mit-Verantwortung.

 

 

 

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