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24. März 2009 / competenceselling

Umdenken in der Ausbildung: Persönlichkeitsentwicklung für Manager

Quelle FAZ.net

European Business School

Die Gutmenschen aus Oestrich-Winkel

Von Philipp Krohn

24. März 2009 Ist hier jemand nicht deutscher Muttersprachler? – Einer. Also setzen wir die Vorlesung auf Englisch fort.“ Bis hierhin läuft noch alles normal im kleinen Seminarraum der European Business School (EBS). Was dann aber folgt, ist eher ungewöhnlich für eine Einrichtung, die als Kaderschmiede für den Manager-nachwuchs gilt. Professor Richard Raatzsch entfaltet einen fiktiven Fall, der seinen 25 Studenten einiges an Hirnschmalz abverlangt – obwohl es nicht um komplizierte Rechnungen oder lästige Steuerfragen geht. 90 Minuten lang diskutieren sie über zwei Vorstandsmitglieder einer Lebensmittelfirma, die gepanschten Saft verkauft und sich damit strafbar gemacht haben. Wer trägt die Verantwortung? Was bedeutet die Schuld für das Unternehmen? Raatzsch lehrt seit vergangenem Jahr Unternehmensethik an der EBS. In seiner Vorlesung müssen die Studenten sich damit beschäftigen, was Intentionen sind, was ein menschliches Wesen auszeichnet und wie sich die Moral von Individuen und von Institutionen unterscheidet.

Vor fünf Jahren hat die Leitung der Managerschule umgedacht: Zukünftige Führungskräfte werden in allen Facetten der Betriebswirtschaftslehre unterrichtet, aber nicht in Persönlichkeitsentwicklung. „Hunderttausende junge Leute studieren BWL und werden mit handwerklichen Dingen vollgestopft. Diese komplette Versachlichung hatten auch wir mitgemacht“, beklagt Christopher Jahns, der Rektor der privaten Hochschule. Nachdem dieser Missstand erkannt war, führte die EBS ein verpflichtendes Studium universale ein. Es vermittelt den Studenten nicht nur ethische Lehrinhalte, sondern setzt auch Anreize, sich parallel zum drei Jahre dauernden Bachelor sozial zu engagieren. „Wir wollten mehr Wert auf menschliche Eigenschaften legen“, begründet Jahns die Reform.

Zwei philosophische Lehrstühle eingerichtet

In den vergangenen fünf Jahren wurden zwei philosophische Lehrstühle eingerichtet: einer für Wissenschaftstheorie, der andere für praktische Philosophie. Im Curriculum sind in jedem Studienabschnitt Ethik-Vorlesungen vorgesehen – mal auf konkreten Fällen aufbauend, mal etwas grundlegender. Doch das reicht den 71 Professoren, die an der EBS lehren, noch nicht aus: Im April setzen sie sich an einem kompletten Wochenende zusammen und entscheiden, in welchen Fächern zusätzlich ethische Inhalte eingebaut werden. Eine Arbeitsgruppe hat dafür eineinhalb Jahre lang den gesamten Lehrplan nach sinnvollen Verknüpfungspunkten durchforstet. Die Hochschule, die ihren 1200 Studenten zuvor fachliche Spezialisierung in den Bereichen Organisation, Marketing, Finanzen, Wertschöpfungsmanagement, Wirtschaftsrecht und Sprachen bot, reagiert damit auf wachsende Anforderungen an den Managernachwuchs.

Gerade mal an sechs deutschsprachigen Universitäten gibt es einen eigenen Lehrstuhl für Wirtschafts- oder Unternehmensethik: im Schweizer St. Gallen, in Ingolstadt, Leipzig, Halle, Kassel und Konstanz. Dort ärgert sich Josef Wieland über das dünne Angebot an Lehrveranstaltungen. „Das entspricht bei weitem nicht internationalem Standard“, klagt der Wissenschaftliche Direktor des Konstanz Instituts für Wertemanagement. „In Amerika wird das Fach an jeder Business School angeboten, an vielen Universitäten gibt es sogar zwei Lehrstühle – für Ethik und Corporate Social Responsibility (gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen).“ Seine Veranstaltungen – darauf legt er Wert – drehen sich nicht um Gutmenschentum, sondern um eine Dimension, die zum professionellen Rüstzeug jedes guten Managers gehören sollte.

Nachholbedarf in ethischer Grundbildung

Eine wahre Nachfrageüberflutung erlebe er derzeit, berichtet Peter Ulrich, Direktor des ersten Instituts für Wirtschaftsethik im deutschsprachigen Raum, das 1987 in St. Gallen gegründet wurde. Die wachsende Zahl von Einladungen aus Verbänden und Unternehmen sei ein eindeutiges Indiz dafür, dass es einen großen Nachholbedarf in ethischer Grundbildung gebe, meint der Schweizer. „Jahrzehntelang wurden Fragen der Unternehmensführung ausschließlich aus der Marktlogik heraus betrachtet“, kritisiert er. Dabei sei lange vernachlässigt worden, in welchem Umfeld die Unternehmen agieren. „Sie sind Wertschöpfungsinstitutionen, die im Brennpunkt gesellschaftlicher Ansprüche stehen, die alle separat legitim sind, aber untereinander konfligieren.“

Größere Wirtschaftsskandale und die Finanzkrise zeigen nach seiner Auffassung, dass diese einseitige Logik Teil des Problems und nicht der Lösung sei. Ein kurzer Verweis auf den Gründervater der deutschen BWL, Erich Gutenberg, und seine ethischen Leitsätze zu Beginn eines Studiums – das reiche für eine umfassende Vorbereitung künftiger Manager nicht aus. „Es liegt ja nicht an einem ethischen Höhenflug, sondern ist eine soziologische Tatsache, dass die Öffentlichkeit Unternehmen unter diesem Erwartungshorizont zu beurteilen beginnt“, sagt Ulrich. Ohne aber darauf akademisch vorbereitet zu werden, dürfte es vielen Unternehmensführern schwerfallen, später allen Interessen der Stakeholder und eben nicht nur der Shareholder eines Unternehmens in fairer Weise gerecht zu werden.

„Für mich ist es ein Skandal, dass dieses Thema in der Vergangenheit so vernachlässigt wurde“, sagt EBS-Direktor Christopher Jahns. Führung verlange besondere Eigenschaften – sie sollen aber nicht nur vom Talent der Manager abhängen, meint der Professor, der neben der Uni auch das Institut für Supply Chain Management (Lieferkettenmanagement) in Oestrich-Winkel führt. Und seine Studenten scheinen es ihm zu danken. Dominic Briggs etwa, ein 23 Jahre alter angehender Betriebswirt, lobt den Parallelweg, den seine Ausbildungsstätte gewählt hat: „Gäbe es nur den normalen Unterricht, wäre das doch zu einseitig“, sagt er. „Die Ethikveranstaltungen sind eine gute Möglichkeit, mal eine andere Perspektive einzunehmen.“

Nach dem Abitur hat sich Briggs auf dem Höhepunkt seines Allgemeinwissens gefühlt, erzählt er. Mit dem Beginn seines Fachstudiums hat er sich von diesem Zustand immer weiter entfernt. Das Studium universale, das früher an vielen Universitäten üblich war, konnte das zumindest zum Teil bremsen. „Hinzu kommt, dass man auch Verantwortung in einem Team übernehmen muss“, sagt Briggs, der mit anderen Studenten eines der EBS-Symposien mit vielen prominenten Gastrednern organisiert hat, das einmal im Jahr stattfindet. Eine andere Projektgruppe ist unmittelbar nach dem Hurrikan Katrina nach Amerika gereist und hat geholfen, die zerstörten Häuser wieder aufzubauen.

„Man muss auch mal Seitenpfade einschlagen in der Philosophie“, ruft Richard Raatzsch seinen Studenten zu. Gerade hat sich sein Kurs von der Frage, was eine Übereinkunft ist, zu einer Diskussion darüber geschlängelt, ob zwei Individuen die Farbe Blau auf die gleiche Weise wahrnehmen. „Um den heißen Brei herumschlängeln“, korrigiert einer der Zuhörer seinen Dozenten halblaut. Nicht alle der 25 Studenten folgen den Ausführungen ihres Professors aufmerksam. An manchen Stellen wenden sich Kommilitonen genervt ab, wenn sie nicht mehr erkennen können, worauf der gelernte Philosoph Raatzsch hinauswill. Dennoch lassen sie sich auch auf die Frage ein, warum Menschen einen Spaziergang zusammen machen wollen. Das Beispiel dient ihm dazu, den Begriff der Intention zu definieren.

„Nur einfach nicht aufhören nachzudenken“

„Meine Idee ist, keine Moralpredigten zu halten. Wir wollen die Leute in den Stand versetzen, moralische Probleme zu erkennen und in reflektierter Form zu durchdenken“, sagt der Ethik-Dozent. Wo sind Gewissensbisse gerechtfertigt? Wann schlagen Manager über die Stränge? Solche Fragen sollen die EBS-Absolventen einmal so beantworten können, dass ihre Argumentation über die manchmal wenig durchdachten Äußerungen in der Öffentlichkeit hinausragt. Ein Banker, der derzeit verlange, weiter seine Boni ausgezahlt zu bekommen, werde als Exponent eines gierigen Systems gebrandmarkt, sagt Raatzsch. „Meine Studenten sollen keine Helden werden, die die Fahne der Moral hochhalten. Sie sollen nur einfach nicht aufhören nachzudenken.“

Als Ergebnis all dieser Bemühungen strebe er Urteilsfähigkeit der jungen Betriebswirte an, erklärt der Philosoph, der aus Cambridge nach Oestrich-Winkel wechselte. Wenn solche Themen in der Lehre angesprochen würden, führe das zu einem veränderten Bewusstsein, ist auch Peter Ulrich von der Universität St. Gallen überzeugt. „Die Studenten lernen, Fragen aufzuwerfen und Konzepte anzubieten, wie man vernünftig mit moralischen Problemen umgehen kann. Und genau dieses konzeptionelle Denken soll doch einen Akademiker auszeichnen“, sagt er. Obwohl er mit seinem Institut über außergewöhnliche Bedingungen verfügt, klagt der habilitierte Wirtschaftswissenschaftler über mangelnde Kapazitäten. „75 Lehrstühle in St. Gallen beschäftigen sich mit dem Wie des Wirtschaftens, aber nur einer mit dem Warum“, spitzt Ulrich die Situation zu.

Das Kontextstudium an seiner Fakultät sei eine querliegende Struktur zum Rest des Studiums. Anknüpfungspunkte ließen sich nur sehr schwer legen. Zudem sei es an den Universitäten, die bislang noch keine wirtschaftsethischen Lehrstühle haben, sehr schwer, daran etwas zu ändern, bemängelt Josef Wieland von der Konstanzer Uni. „In den Vereinigten Staaten wird einfach ein neuer Lehrstuhl gestiftet, wenn ein privater Geldgeber ein Thema wichtig findet“, sagt er. In Deutschland fehle diese Möglichkeit – unabhängig davon, dass man das Thema ohnehin allzu lang verschlafen habe.

Im Vergleich zu den staatlichen Hochschulen sieht sich die European Business School in einem großen organisatorischen Vorteil. Als Chef einer Privatuniversität kann Rektor Christopher Jahns sehr viel stärker in die Lehrinhalte eingreifen als an einer staatlichen Universität, an der sich die Ordinarien kaum sagen lassen wollen, welche Schwerpunkte sie zu setzen haben. Jahns wird seine Mitarbeiter auf dem Professorentreffen im April darauf einstimmen, dass künftig ethische Fragen beispielsweise auch in einer Lehrveranstaltung über das Beschaffungswesen in Emerging Markets (Schwellenländern) angesprochen werden. „Dann wird es darum gehen, wie man die Kosten analysiert – aber eben auch, welche sozialen Bedingungen dort vorherrschen“, erklärt Jahns sein Vorhaben.

Schlüssel eines erfolgreichen wissenschaftlichen Konzeptes

Die Integration der philosophischen Lehrinhalte in die anderen Fächer hält der Konstanzer Professor Josef Wieland für den Schlüssel eines erfolgreichen wissenschaftlichen Konzeptes: „Wir müssen den Managementstudenten eine neue Wahrnehmung ermöglichen. Dafür darf die Ethik nicht als Sondersituation erscheinen.“ Umgekehrt dürften auch keine abstrakten Theorien ohne Anwendung gelehrt werden. „Kant kann man nicht so einfach auf die Wirtschaft übertragen – es müssen erst die Kontexte geschaffen werden, auch mit Hilfe sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse“, sagt Wieland. Seine Absolventen sollten am Ende ihres Studiums verstanden haben, was es bedeute, integer zu sein, aber auch, wie es gelingen könne, Managementsysteme und Anreize im Unternehmen zu installieren, so dass die Mitarbeiter auch nach diesen Grundsätzen handeln könnten.

Bewertet man Napoleon, muss man unterscheiden zwischen einer politischen und einer biographischen Bewertung – mit dieser Erkenntnis gehen die Studenten aus ihrer Vorlesung an der EBS. Nächste Woche wird ihr Professor genau an dieser Stelle wieder anknüpfen. Dominic Briggs klappt seinen Laptop zusammen. Vor kurzem hat er eine eigene Firma mitgegründet. „Die ethischen Fragen tauchen unmittelbar wieder auf, wenn es darum geht, wie man mit seinen Mitarbeitern umgeht oder wie man sich gegenüber Konkurrenten verhält“, hat er festgestellt.

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