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26. Juni 2008 / competenceselling

»Metakognitive Kernkompetenz«

Sie als Leser dieses Blogs wissen, dass ich mich mit Kompetenzen auseinandersetze. So habe ich bereits einige gefunden, über die es sich lohnt zu berichten. Besonders gefiel mir ja immer die Inkompetenzkompensationskompetenz – also das absolut sichere Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit.

Nun fand ich die „Metakognitive Kernzkompetenz“, mit der der Hirnforscher Manfred Spitzer durch die Medien geistert. Was mag das denn sein – und fand einen interessanten Artikel dazu. Bei der Lektüre tut mir der Mann jedoch gleich leid, er ist gestreßt. Vielleicht braucht er eine andere Kompetenz – nämlich sich Zeit zu nehmen. Oder die Methodenkompetenz mit den Medien richtig umzugehen. Wie auch immer, die Auseinandersetzung mit dem Thema ist interessant. Frage mich nur, warum wir dafür solch tolle neue Begriffe benötigen.

Aus der Zeit:

Verzettelt im Netz

Klicken, googeln, raubkopieren: Die Onlinewelt verändert unsere Sprache und unser Denken. Werden am Ende nicht mehr wir den Computer beherrschen – sondern er uns?

Alltag an der Alma Mater. Bevor die Vorlesung beginnt, haben die Studenten schon ihre Laptops aufgeklappt, und wenn der Professor zu reden beginnt, sind sie schon über den unieigenen Router ins Netz verschwunden: E-Mails checken, Blogs schreiben, Verabredungen treffen. Schnell ein Buch bei Amazon ordern! Mal sehen, was auf eBay gerade für meine alte Comicsammlung geboten wird! Das leise Klicken der Tastaturen ist wie ein akustischer Vorhang, durch den die Worte des Dozenten nur undeutlich an die Ohren der Studenten dringen, und der leuchtende Bildschirm ist wie eine Firewall, die komplexeren Lehrstoff abblockt. Kann man Hegels Phänomenologie des Geistes begreifen, während man sich auf StudiVZ tummelt? Hilft es, während eines Hegel-Seminars den Hegel-Eintrag in der Wikipedia zu lesen?

»Elektronische Bildschirmmedien machen dumm«, hat Deutschlands bekanntester Hirnforscher Manfred Spitzer, Ordinarius für Psychiatrie in Ulm, schon Mitte der neunziger Jahre prophezeit. Er wies nach, dass bei kleinen Kindern die Bildschirmwahrnehmung als Ersatz von Wirklichkeitswahrnehmung eine mangelnde Formung des Geistes bewirkt, dass bei Jugendlichen das dauernde Surfen im Internet das Sozialverhalten beeinflusst, und dass bei Computerspielern aller Alterstufen haben Gewaltszenarien »negative Bahnungseffekte« sowohl auf das Denken als auch auf das Handeln.

Medienstress heißt: Morgens den Computer anschalten und abends wieder aus

Den Einflüssen der digitalen Kommunikation unterliegt auch Spitzer selbst. Er reagiert auf unsere elektronisch gesendete Bitte um ein Interview mit dem Hinweis, sein »Alltag mit E-Mails« sei »ziemlich schrecklich«, darüber könne man »am WE« mal reden. Er schreibt »WE« statt Wochenende und schickt »beste Grüße vom mediengestressten Professor«. Seinen Namen kürzt er ab: »Ihr ms«.

Was heißt mediengestresst? fragen wir ihn am WE als Erstes. Morgens im Büro sofort den Computer anzuschalten und erst abends wieder aus, sagt Spitzer. Automatisch ins Postfach zu schauen und dort hängenzubleiben. Hundert E-Mails täglich zu bekommen. Täglich Interviewanfragen von Journalisten, täglich Hilferufe von Angehörigen Kranker. »Eigentlich dürfte ich den wertvollen Tagesbeginn nicht mit E-Mailen vertrödeln, denn fast alle Menschen haben ihr Tageshoch an Konzentration im Laufe des Vormittags. Kant hatte nach unserem Stand der Hirnforschung vollkommen recht mit seinem Konzentrationsrhythmus: morgens schreiben, nachmittags lesen, abends unterhalten.«

Natürlich schätzt Spitzer die neuen Möglichkeiten der Literatursuche im Netz, des Archivierens auf der Festplatte, des direkten Kontakts zu Kollegen in aller Welt. »Außerdem erlauben Computernetzwerke uns Vorhersagen über das menschliche Hirn, weil sie Verknüpfungen herstellen, an die wir nie gedacht hätten. Und dann schauen wir im Hirn nach und finden sie.« In Spitzers Büro steht ein Riesenbildschirm, auf dem ständig mindestens sieben Fenster geöffnet sind, während er arbeitet.

Spitzer hat zuerst in Philosophie promoviert, ehe er sich in Nervenheilkunde habilitierte. Seit 2004 leitet er ein Transferzentrum für Neurowissenschaften, schreibt Bestseller über »metakognitive Kernkompetenz« und moderiert eine wöchentliche Fernsehsendung zum Thema »Geist und Gehirn«. Am meisten empört ihn momentan der Niedergang gelehrter Vortragskultur durch die PowerPoint-Seuche. Denn es komme heute auf eine »interaktive Folienpräsentation« mehr an als auf ein gutes Referat. Die Studenten, die schicke Websites und Onlineslogans gewöhnt sind, erwarten auch von Vorlesungen eine bunte Benutzeroberfläche. Also ziehen die Professoren sich aus dem Internet Tabellen, lösen ihre Vorträge in Stichpunkte auf. »Bei Konferenzen sieht man die intelligentesten Kollegen mit dem Laserpointer unter den Wörtern entlangfahren wie Schulanfänger, die noch mit dem Zeigefinger lesen«, schimpft Vielschreiber Spitzer.

Auch Julia Semmer, Fachdidaktikerin am Institut für Anglistik der Universität Halle-Wittenberg, beklagt Defizite bei der neuen internetversierten Generation von Studenten. »Die Studenten tun sich immer schwerer mit dem Schreiben zusammenhängender Klausuren«, sagt sie. »Konditioniert auf das Herumsurfen im Netz, stoppeln sie sich per Copy-and-paste zwar Texte zusammen, durchdenken aber nur mühsam eine komplexe Aufgabe.« Seriöse Internetseiten zur Literaturgeschichte können diese Studenten oft nicht von Fan-Webpages unterscheiden, dafür sind sie Experten im Finden von Onlinedissertationen. Semmer hat für solche Mangelerscheinungen ein englisches Wort, das so ähnlich klingt wie illiterat und den neuen Analphabetismus im Internetzeitalter bezeichnet: »computerliterate«.

Doch was ist mit den Vorteilen der Digitalisierung unseres Denkens, die in populärwissenschaftlichen Artikeln gefeiert werden: dass frühes Computerspielen Kinder intelligenter mache oder dass das Internet die Lesefähigkeit trainiere? Um hier zu harten Forschungsergebnissen zu kommen, hat Spitzer 2004 in Ulm das »Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen« gegründet. Konfrontiert man den Direktor des ZNL mit der These namhafter Medienpädagogen, Computerspiele trainierten die Auge-Hand-Koordination, fällt der sonst bedachtsam formulierende Forscher einem wütend ins Wort: »Blödsinn! Das trainiert man weitaus besser beim Tischtennis. Gelesen wird im Internet auch nicht wirklich, mehr geklickt, geguckt, raubkopiert.« Und was ist mit strategischem Denken, Reaktionsvermögen, Aufmerksamkeit? »Diese sogenannten Medienpädagogen reden fast alle Stuss, weil sie von Softwarekonzernen finanziert werden. Aufmerksamkeit beispielsweise wird vom Computer insofern beeinflusst, als der Nutzer sich auf alle Elemente des Bildschirms gleichzeitig zu konzentrieren lernt. Das führt aber zur Defokussierung. Wer noch keine Aufmerksamkeitsstörung hat, kann sich mit Hilfe eines Egoshooters schnell eine antrainieren.«

Das ZNL führte kürzlich ein Experiment mit zwei Gruppen von Ingenieurstudenten durch, die dasselbe mathematische Problem lösen sollten. Dabei durfte nur eine Gruppe den Computer benutzen. Diese verzettelte sich im Umgang mit der Software und verlor zeitweise das Problem, gänzlich die Eleganz der Problemlösung aus den Augen.

Leider fehlen umfassende Studien zum Einfluss des Internets auf unser Denken, was auch daran liegt, dass das Internet sich schneller als alle Medien zuvor in der gesamten Gesellschaft durchgesetzt hat. Analysten haben vorgerechnet, dass das Radio fast 40 Jahre brauchte, um weltweit 50 Millionen Nutzer zu erreichen, der Fernseher 13 Jahre, der PC sogar 16, das Internet jedoch weniger als fünf. Heute finden Forscher keine repräsentativen internetfernen Bevölkerungsgruppen mehr, die sich mit internetkompetenten vergleichen ließen. Immerhin hat die neuere Hirnforschung bestätigt, was medienkritische Linguisten schon Ende der Achtziger befürchteten: dass unsere Sprache schludriger wird und unsere Denkprozesse sich fragmentieren, dass nicht wir den Computer beherrschen, sondern er uns.

Zu viel an Information ruft körperliche Krankheiten hervor

Wissen ist Macht, Information nicht, hat der britische Psychologe David Lewis 1996 gesagt. Zu viel Information führe zu Informationsstress, der das Denken lähme, die Entschlusskraft behindere, ja körperliche Krankheiten hervorrufe. Wird die Universität der Zukunft also von kränklichen, denkschwachen Akademikern bevölkert sein?

Der Medienkritiker Dieter E. Zimmer hat darauf hingewiesen, dass die klassische Schriftkultur, also das Schreiben auf Papier Jahrtausende brauchte, um auszureifen und sich dem menschlichen Geist optimal anzupassen. Es sei daher sehr wahrscheinlich, dass der Computer irgendwann mehr ist als heute, nämlich ein zivilisierter Verbündeter der Schriftkultur. Vielleicht werden die Studenten dann unvorstellbar elegante Aufsätze verfassen, die Jungschriftsteller höchst komplexe Bücher herausbringen. Sie könnten sich darauf besinnen, dass sie die wahren Erforscher des menschlichen Bewusstseins sind, jenes Unerklärlichen, dem weder Neurowissenschaftler noch Software-Experten beikommen.

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